Reisebericht 2012

Zunächst einmal allen ein grosses „Danke“ - ein „Danke“ an Alle, die mich im letzten Jahr hindurch wiederum - ganz selbstlos - finanziell und mental unterstützt haben, für all die Veranstaltungen und Spenden, sowie Vielen für die Arbeiten hinter der Kulisse.
Wenn in der letzten Zeit auch nichts Neues in der Hompage aufgeschienen ist, so sind die Vorbereitungen für meine jetzige Bolivienreise doch voll im Gang gewesen - ich bin mit Bolivien immer regelmässig das ganze Jahr über in Kontakt, um über die Projekte informiert zu sein. Da bleibt oft neben meiner täglichen Arbeit für die Schreibarbeit zuwenig Zeit.
Gestern bin ich hier angekommen, heuer über Buenos Aires, wo ich den Anschluss gerade noch geschafft habe. Dann mussten wir doch noch einige Zeit im Flieger warten, da irgendwo offensichtlich eine Schraube fehlte. Da der Flieger zur Zeit der Durchsage noch am Boden war, ist keine Panik ausgebrochen, trotzdem kommt da einem ein komisches Gefühl auf .. Die Landung in Santa Cruz war trotz des Windes unproblematisch. Die Kontrollen bei der Einreise sind jetzt verschärft, viele Zettel sind auszufüllen, und dann das Warten auf die Koffer. Ich habe wieder die Erlaubnis bekommen, ein mehrfaches des normal erlaubten Gewichtes mitzunehmen. Die Koffer sind aber nicht da, da der Anschluss in Buenos Aires einfach zu kurz war. Heute sollten sie kommen. Ich muss dort anrufen und sie dann am Besten selber abholen, alles andere ist zu gefährlich. Am Flughafen haben mich einige Freunde erwartet, sie haben mehr als 2 Stunden ausgeharrt und mich dann zu meiner Unterkunft gebracht. Eigentlich mag ich das ja nicht so, denn nach 24 Stunden Flug und nach dem Zurücklassen meiner täglichen Arbeit und Umgebung, nach dem wieder neuen, jedoch inzwischen mir doch so vertrauten Eindruck bei der Ankunft in Santa Cruz, möchte ich am Liebsten alleine sein. Irgendwie haben sie meine Ankunftszeit herausbekommen, und so treffen wir uns dann alle zusammen doch noch auf ein "refresco". Sie erzählen mir über Gott und die Welt, bis ich dann alleine sein kann, um mich - nach Anrufen daheim, dass ich gut angekommen bin - im Kopf ein bisschen frei zu machen. Es ist hier sehr heiss und feucht - das stört mich aber gar nicht, ganz im Gegenteil, doch es ist so laut, auch in der Nacht und ich habe - auch deshalb - nicht wirklich viel geschlafen. Dafür habe ich jetzt ein bisschen Zeit, um ein paar Zeilen zu schreiben, bevor ich um 8.00 Uhr abgeholt werde. Es geht heute zum "colegio", ich besuche die Frauenfachschule und die Mensa - sie wollen dort mit mir zu Mittag essen. Morgen ist da ja die grosse Einweihung, das wird was werden ...
Ich freue mich sehr darauf. Auf diese Frauenfachschule bin ich besonders stolz, und der "comedor" ist für alle sehr, sehr wichtig.

05.11.2012

Um 8.00 Uhr morgens werde ich abgeholt, wir fahren zum "colegio". Ich wollte den Bau der Frauenfachschule und den "comedor" noch vor der morgigen Einweihung sehen. Das Haus ist sehr gut gelungen, wenn auch ein paar Kleinigkeiten vergessen wurden. Der "salon de beleza" (Friseursalon) hat bereits den ersten Kurs hinter sich, bis zum letzten Platz war alles voll. Der "comedor" ist für alle ein Segen und - so hat man den Eindruck - für alle das Wichtigste. Immerhin werden dort täglich einige hundert Kinder und Jugendliche versorgt. Dabei bezahlen die Familien der Kinder 25 Bs. pro Monat, wenn sie können - wenn nicht, dann geht es auch so. Hna. Rosa Maria kennt die Familien dort, und weiss, wer bezahlen kann. In der Küche wird bereits in riesigen Töpfen mit einem Durchmesser von ca. einem Meter eifrig gekocht: aroz, sopa, pollo, pollo, pollo, aber auch Rindszunge und scharfe Saucen … Ich darf (muss) ja heute auch mitessen … Wir besuchen dann noch einige Klassen und die SchülerInnen überwerfen mich mit Fragen - nicht nur, wo meine Frau bleibt, oder wie viele Kinder ich habe, sondern auch sonst alles Mögliche … Die Klassen sind überfüllt, 40 oder 50 Kinder in jeder Klasse. Inzwischen muss man bereits einige Kinder abweisen, die dort in die Schule gehen möchten, weil einfach kein Platz mehr ist.
Dann kommt bereits die erste Gruppe zum Essen, es sind die Kleinsten, die mit grossem Hunger zugreifen. Es läuft alles sehr geordnet ab, bis die nächste Gruppe kommt. Am Eingang wird jeder registriert - mit dem Bleistift wird ein Strich neben seinem Namen gesetzt. Es sind heute sicher mehr als 200 Kinder. Ich bekomme auch ein Essen - ein Gericht mit Bohnen und Reis - es schmeckt gut. Freiwillige der Schule helfen in der Küche bei den Köchinnen und beim Austragen, eine Gruppe ist zum Abspülen eingeteilt.
Am Nachmittag besuche ich noch die 14jährige Natalia, vor einer Woche an der Schilddrüse operiert, abgemagert und fahl im Gesicht. Sie wohnt bei der Grossmutter - zwei ihrer Brüder bei einer "Strassenbande", leben auf der Strasse, nehmen Drogen ... der kleine Bruder begleitet uns, er wird wahrscheinlich gleich enden wie seine Brüder. Das Ergebnis der histologischen Untersuchung ist nicht da, da das nötige Geld dazu fehlt. Ich gebe Hna. Rosa Maria 300 Bs., werde mir den Befund dann noch anschauen. Dann besuchen wir noch Kevin, man hat ihn zusammengeschlagen, er scheint auch nicht der Bravste zu sein. Er liegt im Bett und hat Schmerzen, kann nur ganz oberflächlich atmen. Offensichtlich hat er einige Ripppen gebrochen ...
Mehrere Anrufe am Flughafen bringen keine Auskunft über den Verbleib meiner Koffer. Sie kommen vielleicht morgen, "manana", und ich weiss ja inzwischen was "manana" hier alles heissen kann … Das geht so jeden Tag, und die Koffer kommen nicht. Ich melde mich bei der Lufthansa in Santa Cruz, eine freundlich Dame verspricht mir am Telefon, dass sie sich darum kümmern werde, sie würde sich bei mir melden. Bis jetzt hat sie es nicht, ich werde heute in Frankfurt nachfragen … Ja, und morgen ist dann die Einweihung des Hauses - da sollte ich vielleicht doch nicht in meinen ausgewaschenen Jeans erscheinen. Es kommen da Einige aus der Politik. Ich kaufe mir eine Hose, ein paar Schuhe, das sollte reichen ...

06.11.2012

Ich habe wenig geschlafen, Kopfschmerzen und draussen tobt ein Gewitter mit enormen Regenmengen ... Manuel vom Taxidienst sollte mich abholen, so um 9.00 Uhr, da die Feierlichkeiten um 9.30 Uhr beginnen ... Er kommt mit einer Stunde Verspätung, doch wir versäumen nichts, alle sind "zu spät". Die Strassen sind zum Teil kaum passierbar, eine Brücke, die gestern noch da war, hat es weggeschwemmt, die Kanäle gehen über, wir müssen einen Umweg machen. Zum Glück hat Manuel einen Jeep. Ja, und dann die Feierlichkeiten, Ansprachen, Musik, Tänze - den ganzen Tag geht es so dahin, und das ist ja nicht so meins ... Die Köchinnen haben ein besonderes Essen hergezaubert, die Freiwilligen bedienen uns professionell, sie lernen es ja gerade, so wie in der "Villa Blanca". Die Mädchen vom "Salon de beleza" zeigen ihr Können. Ich habe bereits kurze Haare, sonst wäre ich auch ein Proband … Ein Zubau ist gerade fertig geworden, der "horno" (Backofen) bereits da. Er wird demnächst in Betrieb gehen, da ja das Brot dann selber gebacken wird - es gibt da so viele Mäuler zu stopfen ... Die "inauguracion" hat natürlich viel länger gedauert als dieser Bericht, ich bin dann auch dementsprechend müde. Ich bin sehr stolz auf dieses Werk und muss gestehen, daß es mir schon sehr unter die Haut gegangen ist ... An dieser Stelle Allen ein grosses „Danke“ für die Spenden! Es hat sich gelohnt!
Der Zuständige für nicht angekommenes Gepäck am Flughafen vertröstet mich wieder auf "manana", vielleicht ...

07.11.2012

Vor einem Jahr hatte ich einmal versprochen, hier im "comedor" – wenn alles fertig wäre - Pizza zu machen. Ich hatte nicht geglaubt, dass Hna. Rosa Maria sich noch daran erinnern würde ... so konnte ich nicht mehr aus .... Man glaubt gar nicht, wie schwierig es ist, hier die notwendigen Zutaten zu bekommen. In der Küche gibt es Mehl, Germ, Salz, Wasser, etwas Gemüse, dann ist es aber schon fertig mit den Zutaten … Und so gehe ich einkaufen: Tomatensauce ... es ist schwierig, etwas annähernd Ähnliches zu finden/queso, mozzarella gibt es nicht, obwohl es so heisst/jamon, salsicha, champinon, oregano und andere Gewürze ...schwierig, schwierig, schwierig. Wir treffen uns im Comedor - Viele sind schon da, auch meine Gehilfen für die "niederen Dienste", und alle warten gespannt auf die Zubereitung ... ich allerdings auch.
Wie ist es noch einmal mit der Menge von Germ pro kg Mehl? Es gelingt dann unter grossem Staunen der Zuschauer, einen Teig zu kneten, der wirklich nach Pizzateig aussieht. Jetzt muss er nur noch aufgehen, und siehe da … er geht auf! Inzwischen schneiden die Gehilfen - unter genauer Anweisung und Kontrolle vom Küchenchef - die Zutaten. Nach einer Stunde bereite ich den Boden vor, belege die Pizza, das erste und das zweite Blech, dann in den vorgeheizten Ofen damit, und nun belegen die Mitarbeiter die nächsten Bleche, dies mit einer speziellen bolivianischen Note ... Inzwischen ist die Erste fertig - sie duftet wie daheim, und man bestätigt mir, dass sie gut ist, doch ich glaube, man hätte sie auch sonst gegessen, sie haben alle Hunger. Auch die Nachbarskinder sind gekommen, da sie die Pizza gerochen haben, und die "guardia". Aus den ursprünglich 30 sind dann ca. 50 geworden, sodass der Teig aus 3 kg Mehl fast nicht reicht … Alles wird aufgegessen ...

08.11.2012

Die Koffer sind inzwischen am Flughafen angekommen, ich hole sie ab, es ist alles dabei. Heute fahre ich in die Peripherie von Santa Cruz, ausserhalb vom "barrio" mit dem "colegio". Die Strassen sind kaum befahrbar. Es hat vor ein paar Tagen geregnet, in vielen Baracken ist Wasser eingedrungen, die Familien wohnen hier in menschenunwürdigen "Häusern", die Kinder haben vielfach keine Möglichkeit, in eine Schule zu kommen. Ich treffe mich mit dem Präsidenten des "barrios". Zudem sind noch einige Eltern dabei die ich kenne, sowie ein Pole, der die Menschen dort betreut. Es gibt einen Grund, den die Gemeinde für einen Bau einer Schule zur Verfügung stellen würde. Ich vespreche ihm, mich dafür einzusetzen, wenn er sich um die Papiere und alle anderen Voraussetzungen kümmern würde. Es sind etwa 2000 Kinder in dieser Gegend. Ich glaube, das wird unser nächstes grosses Projekt, ich habe ein gutes Gefühl!
Dann besuche ich noch einige Familien von dieser Gegend, die wir unterstützen. Sie wohnen in ärmlichsten Verhältnissen - die Geschichten und Schicksale die sie mir erzählen kann ich fast nicht ertragen, und ich denke mir: "… das Leben ist nicht fair". Am Abend will/kann ich niemanden mehr sehen - ich trinke noch "una cerveza", das ist besser als ein Schlafmittel ...

09.11.2012

Heute bin ich bei Dr. Menacho im Hospitalo Villa 1ero de mayo. Nach zwei schwierigen chirurgischen Eingriffen besprechen wir weitere Patienten, und dann vor allem über die Möglichkeit, dass ein Arzt von ihnen für eine bestimmte Zeit in das BKH nach Kufstein kommen könnte, um dort bestimmte Techniken erlernen zu können. Dies werden wir dann noch genauer besprechen. Der Sauerstoffgenerator funktioniert gut und ist ein Segen für alle. Am Abend bin ich wieder so müde, dass ich trotz der Hitze ins Bett falle ...

10.11.2012

Heute, Samstag, wird ein Mitschüler von mir ankommen - er wird mich die nächste Zeit begleiten. Ich freue mich darauf, zumal wir uns in den letzten 30 Jahren kaum gesehen haben ... Zunächst kommen aber noch Familien zu Besuch. Zu Mittag hole ich Werner ab, er kommt auch pünktlich an, samt Koffer … Am Abend sind wir im colegio bei einer Musikdarbietung, die Verstärker dröhnen und pfeiffen, das spielt keine Rolle, es muss nur laut sein … Die Schüler verschiedener Klassen zeigen ihr Können - es sind Einige dabei, die wirklich gut sind. Ich muss dann auch noch auf die Bühne und spiele ein Lied in Deutsch … alle sind begeistert. Es wird dann doch später als gedacht, und wir fahren dann hundemüde heim.

11.11.2012

Nina hat uns eingeladen, auswärts in einem feinen Park gemeinsam zu essen. Sie will uns abholen. Werner kommt nicht aus seinem Zimmer, ich mache mir Sorgen ... Ich klopfe an seine Tür und er macht auf. Er sieht nicht gut aus: Kopfschmerzen, Brechreiz, Erbrechen ... Er bleibt dann daheim und ich werde von Nina und ihrem Mann abgeholt. In der Nähe des Flusses Pirai essen wir köstlich. Am Abend geht es Werner dann etwas besser, und wir gehen gemeinsam zur "casa del Camba", ein typisches Lokal für lokale Küche. Wir essen "majadito", eine Reisspeise mit getrocknetem Fleisch - es schmeckt sehr gut.

12.11.2012

Wir fahren mit dem Micro 14 in die guarderia - Hna. Lucia empfängt uns mit den Kindern herzlich - es sind die Masern ausgebrochen, deshalb sind nicht alle da. Nachher ist der "comedor" am Programm, da er nicht weit davon entfernt liegt. Es ist für mich wie ein Wunder, dass dort jetzt alles so gut funktioniert, als ob es schon lange Zeit so wäre, dabei stand dort vor einem Jahr noch der Rohbau … Es gibt ein Reisgericht und Suppe - wir essen mit den Schülern, die in mehreren Schichten kommen, insgesamt einige hundert Schüler. Nach einer kurzen Mittagspause besuchen wir einige Familien draussen in der Peripherie - ich kann die Armut und das Elend kaum noch ertragen. Da ist Reina, nach einer Hirnhautentzündung sitzt sie im Rollstuhl und ist schwerst behindert, sie wohnt mit der Mutter und weiteren vier Geschwistern in einer Baracke, der Vater ist nicht präsent. Dann besuchen wir das Haus von Julio - er ist nicht da. Seine Mutter ist seit 2 Monaten im Gefängnis Palmasola, offensichtlich hatte sie sich "zuviel" für die Nachbarn eingesetzt, die eine unwillkürlich erhöhte Miete nicht bezahlen konnten. Die neun Geschwister sind nun bei der Grossmutter, Julio arbeitet neben dem Studium, jedes Kind hat einen anderen Vater, der Jüngste ist drei Jahre und sieht Julio als seinen Vater - er hängt sehr an ihm. Ich will schon gehen, als Hna. Rosa Maria sagt, ich solle noch warten. Julio kommt, verschmutzt, wankend und weinend - ein Freund hat ihn aufgelesen und hergebracht. Ich rede noch eine Zeit mit ihm. Das Leid, die Armut, das Fehlen der Mutter wollte er für kurze Zeit vergessen und hat getrunken. Er sagt, er halte es nicht mehr aus, er will nicht mehr: "Sabes, no es solo que la extrano, es que la necesito.." Hna. Rosa. Maria kümmert sich um ihn, er ist 17, in der Schule gut, und für seine Geschwister verantwortlich. Die Eindrücke von diesen Besuchen kann man nicht wiedergeben, auch Werner ist sehr berührt. Um 19.30 Uhr werden wir abgeholt. Wir sind beim Rotary-meeting eingeladen, ein Kontrastprogramm dazu ...

13.11.2012

Heute ist "paro", Streik - es fahren keine Micros. Wir gönnen uns ein paar Stunden zum Ratschen und sitzen im Garten vor dem Kolping – wir Beide müssen das gestern Erlebte erst ein bisschen verdauen. Zu Mittag sind wir bei Hna. Rosa Maria zum Essen eingeladen. Es gibt "aroz con queso, ensalda, kepperi, das ist ein Fleischgericht. Es schmeckt vorzüglich! Es geht dann noch um die nächsten Projekte im "colegio". Wir möchten zwei Aulen dazubauen, eine "infermeria". Gedacht ist auch an ein "Inernado", ein Internat, wo die Schüler während der Woche auch essen und schlafen können. Doch das wird sicher noch etwas dauern … Am Nachmittag sind wir bei der Familie von Ronny eingeladen. Sie wohnen weit draussen. 15 Familienmitglieder sind da, wohnen alle zusammengepfercht zu viert oder fünft in einem Raum, wo sie auch schafen. Wer alles zu wem gehört ist nicht genau zu eruieren, ob "hermano" oder "primo" oder "tia", das spielt alles keine Rolle - sie sind alle begeistert von unserem Besuch und haben einige Köstlichkeiten hergerichtet. Ich weiss genau, dass das für unsere Mägen eine Herausforderung sein wird, doch ich kann nicht ablehnen. Es wird dann noch gesungen, deutsch, spanisch, die Gitarre wird einfach weitergereicht - es ist ein Strahlen in den Gesichtern zu sehen, das ansteckend ist und wir vergessen dann auch kurz die hygienischen Verhältnisse. Ein Taxi bringt uns heim, und wie aus einem Mund sagen wir dann: "jetzt brauchen wir einen Whisky zum desinfizieren …". Er schmeckt grausig, doch vielleicht nützt es, wir werden ja sehen … Morgen fahren wir nach Comarapa ...

Chirurgie und Medizin in Bolivien:
Der histologische Befund von Leticia ist fertig, erfreulicherweise handelt es sich bei dem "Kropf" um einen gutartigen Tumor!

Bei einem jungen Schüler werde ich kommenden Samstag ein Projektil aus dem Brustkorb entfernen. Bei einem Schusswechsel ist er von mehreren Projektilen getroffen worden. Man hat dann bei einer Notoperation aus "Kostengründen" ein Projektil belassen, da die Familie das nötige Geld nicht aufbringen konnte ...

Bei einem Arbeitsunfall hat sich ein Mann den Finger geklemmt, was an und für sich kein grosses Problem wäre, doch ist die Infektionsgefahr so gross, dass die Gefahr besteht, dass der Finger abgenommern werden muss.

Ein Darmverschluss wegen der Erkrankung "Chagas" ist häufig, eine Notoperation in vielen Fällen unumgänglich. Es endete früher häufig in einem künstlichen Darmausgang - jetzt gelingt es meistens, dies den Menschen zu ersparen. Was ein "Stoma" für diese Leute bedeutet, kann man sich denken - da fehlt es meist an allem, was für die Versorgung notwendig wäre.

Immer wieder kommen Patienten mit einer Bauchfellentzündung infolge einer Gallenblasenentzündung oder eines Darmdurchbruchs. Wegen Gallensteinen mit Koliken kommen die Leute noch lange nicht, da sie die Operation meist nicht bezahlen können. Sie kommen erst, wenn es sehr spät ist, was oft tragisch endet.

14.11.2012

Die Fahrt nach Comarapa ist immer eine Erholung, doch heute warte ich 2 Stunden auf das Taxi - "esoa llegando" heisst es immer wieder … endlich ist es da. Mit einem Zwischenstop in Samaipata - wo wir gut essen - kommen wir um 18.00 Uhr in Comarapa an und werden herzlichst empfangen.

15.11.2012

Ein Abstecher nach Vallegrande, Besuch der "lavanderia", wo Che Guevara versteckt wurde, sehr beeindruckend, dann gibt es ein Mittagessen am "mirador", später erfolgt die Rückfahrt.
Am Nachmittag besuchen wir die guarderia. Die Kinder singen und tanzen ... es ist eine Freude zuzuschauen. Am Abend finden dann ein paar Visiten statt.

16.11.2012

Heute fahren wir mit Tiburcio und seiner Familie nach "pampas", wo wir ein Agrarprojekt unterstützt haben. Mit Stolz essen wir gemeinsam die ersten Früchte von einem Pfirsichbaum der Anlage. Die Plantage kann sich sehen lassen. Kommendes Jahr wird sie reichlich Ertrag bringen. Ich bin überzeugt, daß sich die Investition gelohnt hat. Am Nachmittag besuchen wir die Altenherberge. Weiters führen wir ein ausführliches Gespräch mit Ronald, der nach einem Unfall eine Rückenmarksverletzung erlitten hatte und jetzt durch konsequente Therapie Fortschritte macht. Er kann zwar noch nicht gehen, doch kann er seine Beine ein bisschen bewegen. Der neurologische Befund gibt Hoffnung. Am Abend kommt Siro mit seiner Mutter aus Santa Cruz. Bei einem Überfall durch eine Bande hat er eine Schussverletzung erlitten, einiges an Projektilen wurde bereits vor zwei Monaten notfallmässig entfernt. Ein Projektil steckt noch im Brustkorb - morgen werde ich es entfernen.

17.11.2012

Um 7.00 Uhr bin ich im OP. Siro ist aufgeregt und hat Angst. Es gibt hier keine Vollnarkose, man muss es in Lokalanästhesie machen. Ich habe aber ein Beruhigungsmedikament mit, das wirkt. Unter doch für mich ungewohnten Bedingungen gelingt es mir dann, den Fremdkörper zu bergen. Gerade fertig, werden wir informiert, dass ein Kind mit einer Verletzung angekommen sei. In der Ambulanz zeigt sich uns dann ein schlimmes Bild: ein neugeborenes Mädchen mit einer schweren Schnittverletzung am Kopf. Die Verletzung reicht von einem Ohr zum anderen. Es schreit (ist ein gutes Zeichen ...) und blutet. Sr. Elisabeth schaut mich fragend an - ich nicke, wir haben keine andere Wahl, ich werde die Verletzung versorgen. Wie kann so was passieren?

Vom Fahrer ist dann Folgendes zu erfahren: Die Mutter wohnt mit ihrer Familie 75 km vom Krankenhaus entfernt, bekommt die Wehen, ein Nachbar stellt sich zur Verfügung, mit ihr ins Krankenhaus zu fahren. Ihr Mann fährt mit, zudem noch ihre drei Kinder, drei Buben mit 7, 5 und 2 Jahren. Im Auto beginnt dann die Geburt, die Mutter wird ohnmächtig. Beim Versuch, die Plazenta vom Kind zu entfernen verletzt der Vater den Kopf des Kindes mit der Schere … Nach stundenlanger Fahrt kommt die Familie an, das Kind in einer schmutzigen Decke, blutüberströmt ... Die Kopfhaut ist im gesamten behaarten Bereich abgelöst, der Schädelknochen liegt frei da, die Fontanellen sind nicht verletzt. Nach gründlicher Reinigung gelingt es dann problemlos, die Wunde zu versorgen, allerdings alles ohne Narkose, das gibt es hier nicht … Dann wird das Baby noch gebadet, um den Schmutz und die Reste des Maekoniums zu entfernen. Nun trinkt es gierig an der Mutterbrust.

Nach den Operationen bin ich in der Küche. Die Sache mit der Pizza hat sich herumgesprochen. Ich habe bereits die Zutaten eingekauft und weiss ja inzwischen, was es hier nicht gibt ... Doch in Comarapa ist es noch schwieriger, etwas zu finden … Der Teig wird gut, Tomatensauce wird aus reifen Tomaten selbst gemacht. Diese ist besser als so manche bei uns. Der Käse ist ganz anders, doch es geht, Gemüse gibt es ja, Schinken gibt es keinen, das Backrohr geht mit Gas, etwas gefährlich, doch es funktioniert. Die Pizza, gut gewürzt, etwas Knoblauch, duftet bald so ähnlich wie eine Pizza duften soll ... Uns allen schmeckt es gut ...

Es ist Zeit, mich umzuziehen. Ich habe nämlich versprochen, bei Jose Robertos Hochzeit dabei zu sein. Um 18.00 Uhr ist es angesagt, dann wird es vorverlegt auf 16.00 Uhr. Ich weiss nicht warum, doch wir warten und warten - nicht weil die Braut nicht kommt, sondern weil der Pfarrer nicht kommt ... Erst um 18.00 Uhr ist er dann endlich da. Werner spielt mit dem Harmonium zum Einzug den Hochzeitsmarsch, da—da-da-da--da-da-da ...., dann singen und spielen einige Frauen, der Pfarrer redet den Brautleuten ordentlich ins Gewissen ..., dann noch ein paar zweistimmige Einlagen von Werner und mir mit Gitarren, Jose Roberto und Laydi dürfen sich dann küssen und die Anwesenden klatschen Beifall.

Später dann erfolgt der zivile Akt - das alles mit einer "abogada", die 350 Bs. kostet, genauer Ablauf ... Erst dann wird getanzt, und man möge es nicht für möglich halten, Wiener Walzer ... Für mich ist alles ein bisschen starr, ungewohnt, nicht so locker, wie ich sonst die Feste hier kenne ... Es geht dann doch bis weit nach Mitternacht und von Minute zu Minute wird es ockerer - vor allem mit den bolivianischen Tänzen, die ich inzwischen bereits ein bisschen beherrsche ...Ich falle dann mit Kopfschmerzen ins Bett, morgen geht es ab nach Cochabamba.

18.11.2012

Vor der Abreise erfolgen noch ein paar Visiten und Abschlussgespräche, dann fahren wir. Ronald kommt auch mit. Ronald hat durch einen Verkehrsunfall eine Wirbelsäulenverletzung erlitten. Letztes Jahr habe ich ihn aufgefunden. Inzwischen 3x operiert, kann er jetzt seine Beine bereits ein bisschen bewegen, doch es fehlt noch viel. Kommende Woche machen wir bei ihm ein MRI in Cochabamba. Die Fahrt über 4000 m Höhe verläuft gut und nach ca. 6 Stunden kommen wir an. Cochabamba liegt auf 2800 m. Ronald wird von seinem Bruder abgeholt, die Schwestern empfangen uns mit Freude.

19.11.2012

Bereits um 8.00 Uhr warten die Leute vor dem Haus auf mich. Alle kommen dran, Sr. Josefine dokumentiert alles, Werner ist der Photograph. Es sind alles Leute, die jedes Jahr kommen. Wir unterstützen sie. Dann fahren wir zu den "cleferos" unter der Brücke, und es bietet sich für mich wieder ein Bild der Verzweiflung. Zwei Kinder sind dabei, eines 2 Jahre, das andere 6 Monate. Alle Jugendlichen - zumeist selbst Kinder - mit der Schnüffeldroge in der Hand, abgemagert, krank, hüstelnd, gezeichnet ... Die Situation mit den Babies ist kaum zu ertragen, doch der Kleine mit 6 Monaten lacht herzig, als ich ihn aus dem "Kinderwagen" hebe, offensichtlich ganz zufrieden. Was wird wohl aus ihm werden? Hineingeboren in Schmutz und Elend, in Dreck und Abfall, in eine trostlose Umgebung, ohne Aussicht auf eine Chance ... Sein Vater (15) hat sich vor kurzem erhängt. Seine Mutter (14), selbst von der "clefa" abhängig, kümmert sich um das Kind. Wir bringen Tee in einer grossen Thermoskanne (10 Liter), Brot und Bananen, dazu ein "chupete" (Schleckerle..) für jeden. Daneben ist ein Laden, wo ich für die Babies Windeln und ein paar Beutel Milch hole. Vor nunmehr fast zwei Jahren haben wir für Ramires und seine Freundin Patty eine Hütte organisiert, wo sie mit ihren beiden Kindern wohnen, Cristina mit eineinhalb Jahren, Kathy ist gerade 2 Wochen. Cristina ist von Werner so begeistert (und umgekehrt), dass sie am Liebsten mitkommen würde. Ich glaube, Werner würde sie sofort mitnehmen. Ramires arbeitet zwischendurch, die Miete für das "Haus" zahlen wir - ich glaube/hoffe, sie haben es geschafft. Dann fahre ich noch zu Prof. Trigo, der Ronald behandelt und den Termin für das MRI organisiert, er sieht auch Fortschritte. Die Zeit vergeht im Nu und die "brillos" warten bereits. Wir essen gemeinsam - fast alle sind gekommen, wie jedes Jahr, und erzählen aus ihrem Leben. Am Nachmittag gehen/fahren wir auf den Hügel, wo der grosse Christus steht - das ist bereits Tradition. Die Sonne brennt unbarmherzig und trotz Sonnenschutz schmerzen Haut und Augen. Am Abend sitze ich noch kurz mit Werner zusammen in einem Lokal an der plaza, doch mir tut der Kopf so weh, dass ich bald ins Hotel zurückgehe.

20.11.2012

Um 8.00 Uhr kommen noch 9 Personen zu einer "consulta". Ich muss mich beeilen, da uns um 9.00 Uhr bereits Mirtha abholen kommt. Wir besuchen das Zentrum "sigamos" in Sacaba, ein Behindertenzentrum - interessant für Werner, der ja auch mit Behinderten arbeitet. Gustavo ist auch da, der ursprünglich als taubstumm geglaubte. Er kann jetzt mit dem Hörgerät hören und auch ein paar Worte sagen. Er strahlt übers ganze Gesicht als er mich sieht, und fliegt mir geradezu in die Arme. Ich bin sein "padrino", nur weil ich ihm das Hörgerät besorgt hatte. Man wird da relativ schnell für irgend jemand oder irgend etwas "padrino". Auch Marcellino kenne ich schon lange. Wir besuchen ihn daheim in Champarrancho. Er ist seit der Geburt an den Rollstuhl gefesselt. Er freut sich sehr über den Besuch und erzählt ein wenig von sich und seiner Familie. Demnächst werden wir wieder einen Rollstuhl besorgen. Er ist sehr gewachsen und der "alte" ist viel zu kleinund kaputt. Nur noch ein kurzer Abstecher ins Zentrum von "vida y esperanza", dann ist bereits Mittagszeit. Wir essen gemeinsam in einem Lokal - es schmeckt ganz gut, nur meine Kopfschmerzen sind nun kaum noch zu ertragen. Eine "doppelte" Portion Aspirin und ein starker "cortado", das ist ein Kaffee, erleichtern den Schmerz ein wenig. Wir müssen dann noch die Tickets für den Flug nach Santa Cruz am Donnerstag besorgen. Das ist gar nicht so einfach, da wegen des "censo", einer Volkszählung die Flüge ziemlich belegt sind. Es gelingt uns dann doch noch, einen zu bekommen. Morgen Mittwoch ist "censo", da müssen alle im Haus bleiben, alle Läden sind geschlossen, keine Autos fahren … und das in ganz Bolivien. Auch für Touristen gilt das, von heute 24.00 bis morgen 0.00 Uhr. Wenn man draussen "erwischt" wird, landet man im Kerker - das muss ich nun wirklich nicht haben. Also, etwas Proviant einkaufen und sich darauf einstellen - im Hotel gibt es nur Frühstück … Doch heute ist noch nicht fertig.
Um 17.00 Uhr habe ich einen Termin bei Prof. Trigo, einem Neurochirurgen, der in Frankreich seine Ausbildung gemacht hat. Er bespricht mit mir das Bild von Ronald. Es bestehen durchaus noch Chancen, dass es zumindest soweit kommen wird, dass er sich selbst versorgen kann - dazu muss er aber weiterhin fleissig Therapie machen. Javier wartet dann bereits - er studiert Architektur und braucht ein bisschen Unterstützung. Er hat es geschafft, von der Strasse bis zur Uni. Ich bin stolz! Um 19.00 Uhr kommen dann die "brillos". Wir gehen gemeinsam mit Sr. Josefine und Sr. Sulma essen. Es sind alle da und erzählen wieder aus ihrem Leben, essen mit grossem Hunger und lassen sich noch den Rest in eine "bolsa" packen, um es ihren Geschwistern mitzubringen.

21.11.2012

Heute ist "censo" - es ist ganz komisch, wenn man aufwacht, mitten in einer Millionenstadt und man hört nur einige Hunde und Vögel, sonst nichts, kein Auto, keine Menschen, nichts … Ein bisschen furchterregend ...Um 7.30 Uhr werde ich bereits von der Rezeption angerufen ich solle mich bereithalten, da demnächst der "censor" ins Zimmer komme. Doch die Zeit vergeht und es kommt niemand. Auch Werner ist informiert und ruft mich an, ob ich schon dran war ... Wir entschliessen uns dann doch, gemeinsam in den Saal zu gehen, und zu frühstücken. Es gibt Tee, Toastbrot, gesalzene Butter und Marmelade - es schmeckt gut und es ist vor allem ruhig, richtig erholsam … Erst um 11.30 Uhr kommt der "censor" und nimmt alle Daten auf … was der alles wissen will ... Auf meine Frage, ob es denn möglich sei, die ganze Bevölkerung zu erfassen, zuckt er nur mit den Schultern ... Er braucht für ein Haus, unser "Hotel" mit 7 Gästen, fast einen Tag. Den ganzen Tag über sind alle Einwohner Boliviens "eingesperrt", unter Drohung mit dem Einsperren. Und was ist mit den "cleferos" unter der Brücke, wie kann oder soll man diese alle erfassen? Es gibt Tausende solche und draussen in der "pampa"? Es ist das alles für mich eine besondere Erfahrung. Alle halten sich daran, es ist jetzt 16.00 Uhr … die Strassen sind immer noch menschenleer, kein Auto, nichts, nur ein paar Hunde und Katzen, sicher auch Mäuse und Ratten oder anderes Getier … Die "duena", die Besitzerin des Hotels lädt uns zum Essen ein. Es gibt ein besonderes, typisch bolivianisches Gericht: Reis mit quinoa, Kartoffeln, dazu ein Gericht aus Rindsknochen mit Fettanteilen. Man soll die Knochen abnagen, denn das anhängende Fett ist das Besondere. Ich esse nur Reis und Kartoffeln, Werner nagt alles ab, verzieht etwas das Gesicht und schluckt. "Estoy un poco delicado con el estomago", sage ich, "ich habe einen empfindlichen Magen", dann hat die "duena" sogar Mitleid mit mir … Nun sitze ich hier beim Schreiben, habe ja Zeit genug, auch wenn der Computer dauernd abstürzt und mit ihm zwei geschriebene Seiten. Ich beginne wieder von vorne ... Dann organisiere ich noch telefonisch die nächsten Tage - morgen geht am Vormittag der Flieger nach Santa Cruz.

22.11.2012

Wir fliegen mit der TAM, trasporto aereo militar ...und kommen pünktlich am Flughafen "trompillo" in Santa Cruz an. Der Flug dauert nur 35 Minuten und kostet 380 Bolivianos. Um 14.00 Uhr Ortszeit haben wir eine Probe via Skype mit der Hauptschule Wildschönau vereinbart, da wir morgen eine "conferencia" zwischen ihnen und einigen Schülern von hier machen wollen. Es ist gar nicht einfach, die technischen Voraussetzungen vorzufinden, doch es klappt dann. Werner wird abgeholt, da er ein Behindertenzentrum besucht. Ich bekomme Besuch von einigen Familien.

23.11.2012

Auch heute bleibe ich am Vormittag im Kolping, da ich dort einige Patienten anschaue. Es geht bei Vielen nur ums Reden. Sie erzählen mir aus ihrem Leben. Dann treffe ich noch einige Vorbereitungen für die Liveschaltung - es sollte funktionieren. Um 13.00 Uhr werden wir abeholt. Alles spielt sich im "colegio" ab, dort wird bereits musiziert, denn schliesslich will man den Tirolern eine Kostprobe von der Santa Cruz Hymne "eviva Santa Cruz" vorbringen. Alle Instrumente sind verstärkt, Lautsprecher mit grossen Boxen, Mikrophone, Schlagzeug, Trommeln, der Boden voller Kabel, es kracht immer wieder im Lautsprecher, der Raum ist klein, "es dröhnt in meinen Ohren", dabei dauert es noch zwei, drei Stunden. Endlich kommt das Signal, die Verbindung funktioniert. Alles ist still, das Bild ist an die Wand projiziert, man kann die Umrisse erkennen, auch akustisch geht es einigermassen. Drei von der Gruppe sagen ein paar Dankesworte in die Kamera, dann wird musiziert, dass die "Fetzen" fliegen. Eine Stimmung kommt auf, wie sonst nur am Fussballfeld und alle sind unheimlich stolz, dass ihre Musik nun das "andere Ende" der Welt erreicht hat. Die Köchinnen haben im "comedor" bereits gekocht und alles hergerichtet. Alle haben Hunger - es sind ca. 50 Jugendliche und Kinder - ein Fest für alle. Für manche ein abwechslungsreiches Auftauchen aus dem Sumpf ihres alltäglichen Elends, wo sie für kurze Zeit alles vergessen können, und wenn man in ihre Augen schaut, erkennt man nur ein fröhliches Strahlen und Glänzen.

24.11.2012

Ich treffe mich morgens mit Dr. Menacho vom Hospital "Villa 1ero de Mayo". Einer seiner Kollegen möchte demnächst zwei Monate im BKH Kufstein an der Chirurgie frequentieren, um einige spezielle chirurgische Eingriffe zu erlernen. Ich werde bei meiner Rückkehr mit dem Krankenhaus reden. Es würde mich freuen, wenn es klappen würde. Die Abteilung hier funktioniert gut, in den letzten Jahren hat sich da viel getan. Nacher ist ein Hausbesuch am Programm, man erwartet uns bereits. Wir setzen uns auf die vorbereiteten Plastikstühle im Innenhof, der Boden ist noch feucht vom gestrigen Regen. Im Kolping kommen dann noch einige Familien zu Besuch, bringen ihre Kinder mit und scheinen alle Zeit der Welt mitzubringen, wenn sie sich hinsetzen und aus ihrem Leben erzählen. Ich merke, dass die Erlebnisse der letzten Wochen bei mir doch Spuren der Müdigkeit hinterlassen haben, ich brauche ein bisschen Ruhe ... Wir gönnen uns ein gutes Abendessen ...

25.11.2012

Am Sonntag bin ich nach drei Familienbesuchen bei Hna. Rosa Maria. Wir besprechen die Projekte und machen die Abrechnung von der Frauenfachschule, dem "comedor", dazu noch die zukünftigen "obras". Auch die Familien, die unterstützt werden, werden alle durchbesprochen. Werner dokumentiert und photographiert. Geplant sind drei weitere Projekte: die "infermeria" im "colegio", ein Internat im Areal des "colegios" und eine Schule im anschliessenden "barrio". Da gibt es noch Einiges zu besprechen. Der Plan für die "infermeria" ist aber bereits weit fortgeschritten. Es gibt nämlich in dieser Gegend weit und breit keine medizinische Hilfe. Am Nachmittag fahren wir zu Reinaldo und seine Familie, die uns herzlich begrüssen, Wir hatten für ihn und seine Geschwister - alles Waisen - damals vor Jahren ein kleines Haus gebaut. Cristina ist jetzt schon 6, ihre Schwester 2.
Am Abend treffen wir uns mit den Jugendlichen vom "colegio", die bei der Live Übertragung musiziert haben. Es kommen noch Einige mehr, wir sind ca 25 Leute. Hna. Rosa Maria und Lucia sind auch dabei. Wir treffen uns im "casa del camba" und essen dort gut, für Viele sicher das erste Mal. Alle sind glücklich, Einige nehmen noch etwas an Essen für ihre Angehörigen mit.
Am Dienstag, 27.11,2012 kommen noch Familien zu Besuch. Zu Mittag sind wir bei Nina eingeladen, wir essen sehr gut. Dann häufen sich noch ein paar "Visiten", es wird recht spät, zuletzt sind noch Werner, Edson, Jose Roberto und ich, und wir essen noch gemeinsam. Dann ist es Zeit, die Koffer zu packen - morgen geht es wieder nach Hause. Ich bin voll gepackt mit Erlebnissen, einigen Schönen, doch mit vielen Traurigen. Ich werde erst daheim die Gedanken wieder ordnen können. Ich möchte mich an dieser Stelle wieder bei allen Spendern und Wohltätern bedanken! Wir haben wieder viel erreicht, wir konnten viel bewegen und ich bin mehr denn je überzeugt, dass es gut ist, was wir tun! Vielen Dank!
Ich freue mich riesig auf daheim, auf mein eigenes Bett, eine Dusche, einen sauberen Boden, ein gutes Wasser, ein gutes Glas Wein, eine Pasta .. Ich freue mich auf meine Freunde und auf meine Arbeit daheim.